Interview: Balthazar

Balthazar_AntonCoene

Ihr Erfolgsrezept scheint eine gute Mischung aus Lässigkeit, Kreativität und Selbstironie zu sein. Die belgische Band Balthazar unterwandert seit geraumer Zeit das versnobte Hipstertum und dessen akustische Auswüchse, indem sie mit einer gekonnten Portion Funk und Punk, die sich selbst feiernde Meute auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Als Straßenmusiker lernten sie sich kennen, nun zählen die Mitglieder des Quintetts zu den beliebtesten Newcomern der Independentszene. Wir trafen Sänger Maarten Devoldere und Bassist Simon Casier vor ihrem grandiosen Auftritt im Berliner Postbahnhof. Im Backstagebereich des alten Gemäuers beantworteten die zwei Musiker uns einige Fragen, wobei ihre Aussagen dabei vielleicht nicht immer auf die Goldwaage gelegt werden sollten.

Wieso habt ihr Balthazar als Bandnamen gewählt?

Simon: Wir hatten da so ein Buch mit Kindernamen. Als wir nach einem guten Namen suchten, fanden wir dort Balthazar. Das war der beste schlechteste Name, den wir finden konnten.

Also ward ihr ein wenig wie potenzielle, inspirationssuchende Eltern?

Simon: Ja.

Und habt ihr mit der Zeit eine Verbindung zu jenem Namen aufbauen können?

Maarten: Am Anfang dachten wir wirklich nur, das wäre ein bescheuerter Bandname, aber über die Jahre beginnst du natürlich, ihn zu lieben. Verbindungen? Viele Journalisten kommen gerne mit dem Vergleich zu den Heiligen Drei Königen, Bibelbezügen oder irgendwelchen Referenzen, an die wir nie, auch nur ansatzweise, gedacht haben. Es gab da tatsächlich nur das besagte Buch.

Schlicht und einfach. Wie kam es denn zur Gründung von Balthazar?

Maarten: Ich und Jinte trafen sich zuerst. Wir spielten damals beide auf derselben Straße. Kannten uns aber nicht. Jeder hatte seinen eigenen Platz, unweit voneinander entfernt. So konnte man sich gegenseitig beobachten und sich fragen, was der andere wohl verdienen würde. Dann war ich mit Patricia zusammen, die jetzt Geige bei uns spielt, nur betrog sie mich mit Jinte. Demnach mochten wir uns natürlich nicht. Doch irgendwann verarschte sie auch Jinte und dann wurden wir Freunde.  (lacht) Wir gründeten in der Folge die Band. Und Simon…

Simon: Patricia ist meine Cousine, über drei, vier Ecken. Das ist der Grund, weshalb ich in die Band kam.

Am Anfang eurer Karriere nahmt ihr an etlichen Wettbewerben teil.

Simon: Wir waren bei allen! (lacht)

Inwiefern hat euch das weitergeholfen?

Simon: Nun, du bekommst natürlich unheimlich viel Aufmerksamkeit von den Medien und so weiter. In Belgien hat uns das geholfen. Die Wettbewerbe als solche waren eben Wettbewerbe. Das ist nicht das Tollste, was man sich vorstellen kann.

Maarten: Das Wichtigste daran war wohl, dass wir viel spielen konnten. In wirklich zahlreichen winzigen Clubs in Belgien. Dabei haben wir einiges gelernt. Es sind bestimmt um die fünfzig Shows gewesen damals. Wir verstanden zum Beispiel, eine Band zu sein. Definitiv eine gute Sache.

Habt ihr auch irgendwo gewinnen können?

Simon: Bei ein paar kleinen Wettbewerben, ja.

2010 erschien dann mit „Applause“ euer Debüt. Darauf habt ihr einen Sound kreiert, von dem viele Leute behaupten, sie hätten so etwas noch nie zuvor gehört. Ein großes Kompliment. Könnt ihr euch mit denn auch dieser Aussage identifizieren?

Maarten: Nun, der Grund dafür ist sicher, dass wir schon fünf Jahre zuvor eine Band gewesen sind und uns wirklich Zeit nahmen, ein Album herauszubringen. Wir wollten unseren ganz eigenen Klang, eine eigenständige Identität.

Simon: Schon 2008 hatten wir ein Album gemacht, welches wir dann aber nicht veröffentlichten, weil wir herausgefunden hatten, dass es bereits existierte. (lacht) Wie war nochmal der Name der Band? Mhm, ich hab es vergessen, irgendwas aus den Sechzigern. Schlussendlich mussten wir also etwas Neues erfinden.

Und ihr hattet das Gefühl, das wäre dem sonst zu ähnlich geworden?

Simon: Ja, die Songs waren sogar die gleichen. (lacht)

Ok. Wer sind denn eure musikalischen Helden?

Simon: Für mich eine ganz einfache Frage. Will Smith. Er ist mein Idol.

Wirklich?

Simon: Vielleicht nicht nur musikalisch. Ich mag ihn auch als Schauspieler. Schade, ich habe gerade sogar noch ein T-Shirt von ihm getragen, nur zog ich mich eben um.

Und Maarten? Wie sieht das bei dir aus?

Maarten: Roxette, The Velvet Underground und alles dazwischen. (lacht)

Wenn ihr noch einmal zurückschaut, seid ihr nach wie vor stolz auf „Applause“?

Maarten: Ich bin immer noch stolz auf die Songs, das Songwriting. Aber der Sound…

Simon: Heute spielen wir die Tracks live ganz anders. Demnach sind wir auch diese Versionen gewöhnt. Es kommt selten vor, dass wir das Album hören.

Maarten: Auf unserem zweiten Album „Rats“ haben wir einen besseren Job gemacht, was die Arrangements betrifft. Aber die Lieder auf „Applause“ sind wirklich gut. Ich bin glücklich mit ihnen. Klar wird man älter und denkt hier und da, was hat man da eigentlich gemacht.

Bleiben wir bei dem Thema, das du gerade angerissen hast, und reden ein wenig über „Rats“. Inwiefern unterscheidet es sich denn zu seinem Vorgänger?

Maarten: Bei der ersten Platte haben wir wirklich noch viel über alles nachgedacht. Irgendwann waren wir des Denkens müde, hörten damit auf und nahmen einfach eine neue Scheibe auf. Das dauerte nur einen Monat oder so. Bei „Applause“ hatten wir noch strikte Regeln, jeder Song ähnelt ein bisschen dem anderen. Vor allem was Schlagzeug und Bass betrifft. „Rats“ sollte wilder und vielfältiger sein. Was wir bei „Applause“ nicht gezeigt hatten, wollten wir dann schließlich auf „Rats“ nachholen. In gewisser Hinsicht ist das Album auch melancholischer, obwohl es Popsongs sind.

Könnt ihr euch denn mit Pop als Genre identifizieren?

Maarten: Der Fakt, dass es Popsongs sind, liegt am Aufbau. Sie haben alle Strophen und Refrains.

Simon: Und alle haben eine Laufzeit von 03:22. (lacht)

Wenn man sich das Cover von „Rats“ anguckt, findet man darauf einen rothaarigen Jungen an einem Waschbecken. Ein sehr interessantes Foto. Wessen Idee war das und inwiefern passt es zum Album?

Maarten: Es hat ein guter Freund von uns gemacht. Ich lebte damals mit ihm zusammen in einem Haus. Wir produzierten die Platte und er hörte all die Songs. Wieder und wieder. Er ist Fotograf und machte das Bild in einer Schule für Segler oder so ähnlich. Eines Tages kam er und sagte, er habe das Cover für unser Album geschossen und es sei perfekt. Wir sahen es und dachten nur, es sei großartig. Natürlich war es komplett seine Idee, aber es ist schön, wie das zusammenpasste. Unheimlich gut, wenn man talentierte Freunde hat.

Auch die Musikvideos für eure Singles sind oft sehr besonders und vor allem ästhetisch. Inwieweit ist euch die visuelle Unterstützung eurer Werke wichtig?

Simon: Bei „Sinking Ship“ beispielsweise haben wir dem Regisseur völlig freie Hand gelassen. Ähnlich wie, was Maarten eben zu dem Albumcover sagte, hörte auch dieser den Song und hatte dann eine Vision. Für „Leipzig“, unsere neuste Single, hingegen, wollten wir gern Filmmaterial von unserer Tour verwenden.

Maarten: Ja, ein Freund begleitete uns und machte Aufnahmen. Das hat Spaß gemacht. Sehr entspannt. Uns ist der visuelle Output extrem wichtig, nur sind wir in der Hinsicht absolut nicht talentiert. Demnach vertrauen wir auf die Gabe jener Personen, mit denen wir zusammenarbeiten. Man kann ihnen dabei nichts vorschreiben. Am Ende darfst du sagen, ob es dir gefällt oder nicht. Mit dem Video für „Sinking Ship“ sind wir sehr glücklich. Der Regisseur ist wahnsinnig gut. Ähnliches gilt für „The Boatman“. Das stammt von einem berühmten belgischen Maler. Michaël Borremans. Zuvor hat er nie ein Musikvideo gemacht gehabt, aber wir fragten ihn, ob er es tun würde. Diese Typen sind so grandios, du musst ihnen nicht sagen, was sie tun sollen. Vertrauen reicht da aus.

„Do Not Claim Them Anymore“ zählt zu den wunderbaren Stücken auf „Rats“. Was erzählt der Song dem Hörer?

Simon: Die Lyrics?

Zum Beispiel.

Simon: Ich hab sie nicht geschrieben.

Maarten: Das war Jinte. Aber es ist ein Liebeslied.

Simon: Geht es nicht um ein verlorenes Herz? Wir sollten ihn fragen.

Maarten: Ich denke, es geht um eine neue Beziehung.

Könnt ihr euch an die Aufnahmen zu dem Track erinnern? Oder wie er entstanden ist?

Maarten: Der Riff entstand auf einem kleinen Casio-Keyboard. Wir experimentierten dann damit herum. Irgendwann hatten wir das Hauptthema. Jinte schrieb die Akkorde und den Gesang. Erst war es ein recht  langsamer Track. Das Tempo ist nicht wirklich schnell. Aber wir wollten, dass er leicht wird. Deswegen ist das Resultat so funky. Mit einem Doppeltempo, rickadickarickadickarickadicka… Schlussendlich hatten wir einen Song.

Simon: Viel haben wir darüber aber auch gar nicht nachgedacht. Für „Rats“ nutzten wir oft die ersten Ideen. Es wurde meist wenig verändert.

Die Produktion eurer beiden Alben habt ihr selber übernommen. Wo seht ihr Vor- und wo eventuell auch Nachteile dessen?

Simon: Die Freiheit daran ist, dass du eben alles selbst machst. Keiner macht dir Vorschriften. Schwierig ist manchmal, dass du dadurch kaum frische Einflüsse bekommst.

Meint ihr denn, die fehlen den Platten nun?

Maarten: Der Fakt, dass wir dabei zu zweit waren, half. Wir waren also unsere eigenen Produzenten und es fühlte sich nie danach an, als sei noch jemand nötig. Außerdem spart man Unmengen an Geld. (lacht) Das gaben wir dann für teure Autos aus.

2013 ist für euch mit einigen großen Erfolgen verbunden. Ihr seid unheimlich viel durch ganz Europa getourt und habt unter anderem die Editors supportet. Wie war das letzte Jahr für euch?

Simon: Das war heftig. Richtig cool. Wir sind viel herumgekommen. Ich erinnere mich an einiges gar nicht mehr. Wenn jetzt jemand sagt, wir seien an dem einen oder anderen Ort schon letztes Jahr gewesen, denke ich oft, das ist schon wesentlich länger her. Die Zeit verging unheimlich schnell. Man war nicht zuhause. Es ist als hättest du Monate verloren, aber dann merkst du, wie viel du erlebt hast. Merkwürdig.

Auf eurer jetzigen Konzerteise spielt ihr teilweise an Veranstaltungsorten, die ihr zuvor noch als Support besucht habt. Nur füllt ihr diese jetzt allein.

Simon: Ja, das ist wunderbar.

Maarten: Natürlich sind wir aber nicht so groß wie die Editors.

Vielleicht noch nicht. Gleich geht es hier in Berlin auf die Bühne des Postbahnhofes. Wie sind eure Erwartungen?

Simon: Enorm hoch!

Maarten: Ich erinnere mich noch an das letzte Mal. Das war unglaublich cool. Es ist immer schön, in Berlin zu sein. Wegen der Stadt allein. Offensichtlich die tollste Stadt in Europa.(lacht)

Simon: Das ist nicht gleichbedeutend damit, dass auch die Shows gut sind. Obwohl das aus irgendeinem Grund bisher immer so war. In Hamburg ist das auch meist so.

Vielleicht wegen des internationalen Publikums?

Maarten & Simon: Ja!

Ihr habt auch eure neue Single „Leipzig“ mit im Gepäck. Warum trägt das Stück jene deutsche Landeshauptstadt im Namen?

Maarten: Wir schrieben es auf Tour mit den Editors. Jeden Tag, in jeder Stadt, ein neuer Song. Das war der beste, der dabei herumkam. Und er entstand eben in Leipzig.

Simon: Es gibt auch einen, der „Berlin“ heißt, oder einen namens „Hamburg“.

Werden wir je die Chance haben, diese zu hören?

Maarten: Nein. (lacht) Wir komponieren viel und behalten aber nur die guten Sachen bei. Den Müll wollen wir nicht herausgeben. Den behalten wir.

Gibt es noch etwas, das ihr unseren Lesern gern abschließend mitteilen würdet?

Maarten: Seid vorsichtig, wenn ihr die Straße überquert. Das kann gefährlich sein. Bleibt den Drogen fern.

Simon: Seid gut zu euren Müttern.

Maarten: Macht die Schule fertig. Esst genug Gemüse und Obst, das ist wichtig. Auch für die Kreativität. Man braucht einen gesunden Geist und einen gesunden Körper.

Simon: Liebt euer Leben!

Maarten: Liebt euer Leben!

Liebt euer Leben.

Balthazar-Leipzig-300x300

LEIPZIG (SINGLE)
Veröffentlichungsdatum: 13.01.2014
Label: PIAS

Tracklist:

  1. Leipzig

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>